Nachdem Janca heute eine Geschichte aus ihrer Schulzeit gebloggt hatte, erinnerte ich mich an eine Geschichte, die ich mal im Deutschunterricht in der 10. oder 11. Klasse geschrieben habe...

Die Bombe

Das Treppenhaus roch muffig. Es war kalt hier und Wasserflecken hatten sich an den alten, ehemals wei?en Tapeten gebildet. Auf der zweiten Etage hatte sich eine Kachel von der Wand gel?st und lag nun akkurat neben einem vertrockneten Gummibaum. Die Holztreppe knarzte bei jedem Schritt, als Erhardt schwerf?llig aus dem f?nften Stock nach unten ging. Das Haus besa? einen Aufzug, doch die Chancen standen gut, das es das letzte Mal im Leben sein k?nnte, benutzte man dieses Ding. Das Haus war noch keine drei?ig Jahre alt, aber der Vermieter lie? es mehr und mehr verkommen. Erhardt holte seine Post deshalb lieber zu Fu?, auch wenn sein R?cken es ihm mit jedem Schritt schmerzhaft heimzahlte.
Die meisten der Bewohner hatten sich l?ngst andere Wohnungen gesucht, und so befanden sich nur an drei der zehn Postk?sten Namensschilder. Den Kasten, auf dem Wildmann in sch?nen, altdeut-schen Buchstaben stand, ?ffnete Erhardt. Er bekam nicht oft Post, Verwandte schrieben ihm nicht, denn er hatte keine. So war das meiste von dem wenigen, was ?brigblieb, Werbung und in regelm?-?igen Abst?nden Rechnungen. Heute lag weder eine Rechnung noch Werbung im Briefkasten. Nur ein unscheinbarer Umschlag, ohne Briefmarke, daf?r mit dem Stempel der Stadtverwaltung. Mit arthritisgeplagten Fingern ?ffnete Erhardt den Brief

An die Bewohner des Hauses

Blumenthalstrasse 12a

Sehr geehrte Damen und Herren,
Bei Strassenarbeiten ist eine englische Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg gefunden worden. Diese wird am kommenden Mittwochvor-mittag zwischen 10.00 Uhr und 12.00 Uhr entsch?rft werden. Aus Sicherheitsgr?nden ist eine Evakuierung der Anwohner erforderlich. Bitte finden Sie sich bis sp?testens 9.30 Uhr in der Grundschule Nord ein. Sollten Sie Schwierigkeiten beim Transport haben, melden Sie sich bitte unter folgender Nummer: 555-1298.

Wir danken f?r ihr Verst?ndnis

Die Stadtverwaltung


Eine Fliegerbombe. Erhardts Gesicht blieb seltsam unbewegt. Er nahm den Brief zur Kenntnis, steckte ihn dann wieder in den Umschlag zur?ck und schlo? den Postkasten. Langsam ging Erhardt zur?ck in seine Wohnung. Dort angekommen, schlo? er die T?r und legte den Sicherheitsriegel vor. Dann ging er in die K?che, noch immer diesen seltsam unbeteiligten Ausdruck im Gesicht. Er ging in die K?che und setzte Wasser f?r Tee auf, dann nahm er am K?chentisch Platz. Den Brief hatte er auf das Bord gelegt. Nun nahm er ihn wieder auf und las ihn ein zweites und ein drittes Mal.
Erhardts Blick wurde glasig.
Erhardt beobachtete die Soldaten, die mit hektischen Bewegungen Sands?cke um die gro?e Flakka-none aufschichteten. Die Sonne stand hoch an diesem Tag und es war relativ warm f?r einen Win-tertag. Menschen rannten an ihm vorbei auf dem Weg zu Wilhelms Gemischtwarenladen. Es war einer der wenigen L?den, die in den letzten Wochen frisches Gem?se bekommen hatten. Und so stand auch Erhardts Mutter in der Schlange vor dem Laden, um noch ein paar Kartoffeln zu ergat-tern.
Erhardt hatte unterdessen das Interesse an den Soldaten verloren und bewegte sich statt dessen ziel-strebig auf eine Ruine zu. Er war sich sicher, in einem der L?cher, die fr?her einmal Fenster gewe-sen waren, eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Was konnte das nur sein, fragte er sich. Lang-sam bewegte sich Erhardt, jede Deckung nutzend, auf das Geb?ude zu. Da war es wieder, Erhardt hatte es genau gesehen. Er wartete eine Gruppe von Soldaten ab, die er als Deckung benutzen konn-te, um auf die andere Stra?enseite zu gelangen. Das Haus konnte noch nicht lange zerst?rt sein, man hatte bisher lediglich die Tr?mmer vom Gehweg ger?umt, und Erhardt sah fast auf Anhieb eine ganze Hand voll noch brauchbarer ober fast unbesch?digter Gegenst?nde. Dort war ein Emaille-kochtopf, eine Stoffpuppe, Kleidung. Aber auch einen Handschuh, in dem noch die dazugeh?rige Hand steckte, fand er, als der den Schuttberg erklomm.
Erhardt hatte sein eigentliches Ziel jetzt direkt vor Augen. Das Fenster lag nur noch wenige Meter ?ber ihm. Zentimeter f?r Zentimeter kroch er weiter, jeden Schritt genau planend, um nicht durch eine unbedachte Bewegung einen Steinschlag auszul?sen.
Endlich unter dem Fenster angekommen, g?nnte er sich eine ganz kurze Pause und lauschte in den Raum. Nichts. Ganz langsam richtete Erhardt sich auf, um ?ber den Rand der Mauer zu blicken. Der Raum war leer, bis auf die Balken, die einmal den Fu?boden des dar?ber gelegenen Raumes gebildet hatten. Durch ein gro?es Loch in der Decke schien die Sonne herein. Erhardt wollte sich schon auf den R?ckweg machen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung sah. Blitzschnell dreh-te er sich um. Dort im Schatten. Etwas graues, struppiges schaute dort unter dem Balken hervor. Vorsichtig kletterte Erhardt durch das Fenster. Er ging langsam um den Balken herum, bis er das struppige Etwas als eine kleine Katze erkannte. Ihr Fell war schmutzig und stumpf und das arme Tier war v?llig ausgemergelt, an ihrem rechten Ohr klebte verkrustetes Blut.
?Miez, Miez?, machte Erhardt, doch das Tier kroch nur noch weiter unter den Balken, und fing an zu Zittern. ?Komm zu mir. Du brauchst doch keine Angst zu haben.?
Erhardt erinnerte sich, einen Kanten Brot vom Fr?hst?ck in die Tasche gesteckt zu haben, bevor er und seine Mutter aufgebrochen waren. Er brach das St?ck Brot in kleine Br?ckchen, die er der Kat-ze hinwarf. Das Tier verschlang das Brot mit gierigen Blicken, r?hrte sich aber nicht. Erst als Er-hardt zur?ckwich siegte der Hunger ?ber die Angst. Langsam kam sie n?her und schlang das Brot hinunter.
?Erhardt!? Der Wind trug die Stimme seiner Mutter durch das Fenster hinein, was die Katze dazu veranla?te, sofort wieder in ihr Versteck unter dem Balken zur?ckzukehren. Erhardt brach schnell den Rest des Brotes in kleine St?cke und warf diese der Katze hin. Dann kletterte er schnell aus dem Fenster und zur?ck auf die Stra?e um zu seiner Mutter zu laufen, bevor diese sich ernsthafte Ge-danken ?ber seinen Verbleib machen konnte.

Sp?ter an diesem Tag, nach dem er mit seiner Mutter zu Mittag gegessen hatte und seine Mutter sich mit der W?sche in den Hof zur?ckgezogen hatte, stibitzte Erhardt etwas vom K?se und noch etwas Brot, au?erdem f?llte er etwas Wasser in eine Blechdose mit Schraubverschlu?. Mit einem genu-schelten ?Ich gehe spielen!? lief Erhardt an seiner Mutter vorbei, bevor diese etwas erwidern konnte.
Kurze Zeit sp?ter erreichte er die Hausruine. Diesmal kletterte er weit weniger vorsichtig ?ber den Schutthaufen und durch das Fenster in den Raum mit dem eingest?rzten Dach. Drinnen ange-langt, rief er nach der Katze und schaute in das Versteck unter dem Balken. Bis zu diesem Augen-blick hatte Erhardt gar nicht daran gedacht, da? die Katze sich dort vielleicht nur vor ihm selbst versteckt haben k?nnte. Erhardt begann den ganzen Raum nach dem Tier zu durchsuchen. Er fand nichts. Traurig wollte er sich schon abwenden und den Raum verlassen, als leises Maunzen ihn auf-schauen lies. Die Katze sa? oben auf dem Balken und schaute ihn aus gro?en, gr?nen Augen an. Spott schien in ihren Augen aufzublitzen.
?Ich bin froh, da? du noch da bist! Ich habe dir was mitgebracht.? sagte Erhardt, w?hrend er Brot, K?se und Wasser aus seiner Tasche kramte. Er legte das Futter an den Fu? des Balkens, setzte sich dann in die gegen?berliegende Ecke des Raumes und beobachtete die Katze, wie sie sich voller Mi?trauen den Balken herunter bewegte, immer ein Auge auf das Futter, das andere auf ihn gerich-tet. Vergn?gt beobachtete Erhardt die Katze, wie sie das Futter hinunterschlang und dann wieder auf den Balken zur?ckkehrte um sich zu putzen. Erhardt versprach ihr, am n?chsten Tag wiederzu-kommen und machte sich auf den Heimweg.

In der folgenden Nacht gab es Fliegeralarm. Erhardt wurde von seiner Mutter geweckt, die ihm sei-nen Mantel und seine Gasmaske ?berzustreifen versuchte, w?hrend er sich noch den Schlaf aus den Augen rieb. Voller hast rannten sie das Treppenhaus hinunter und folgten dem Strom von Men-schen zum Luftschutzbunker. Der Angriff begann kurz nachdem die T?ren geschlossen worden waren. Das Licht flackerte bei jedem Treffer, die Explosionen drangen laut und dumpf durch das Gummi der Gasmaske. Die Menschen schrien bei jedem Treffer vor Angst. Staub rieselte von der Decke, dann ging das Licht ganz aus. Erhardt war starr vor Angst. Er hatte schon oft die Nacht im Bunker verbracht, aber die Bomben waren noch nie so nah niedergegangen. Erhardt glaubte sterben zu m?ssen. Er nahm nichts mehr von den Menschen um ihn herum war. Nur er, die Dunkelheit und die Explosionen. Dann war es vorbei. Seine Mutter sch?ttelte ihn um ihn aus seiner Katatonie zu wecken. Langsam verlie?en sie den Bunker und gingen an brennenden H?usern vorbei nach Hause.
Wie durch ein Wunder war ihr Haus unversehrt. Ein Haus auf der gegen?berliegenden Stra?enseite dagegen stand in Flammen. Einige M?nner versuchten zu l?schen, vergebens. Die Feuerwehr war v?llig ?berlastet und w?rde h?chstens einen Bruchteil der brennenden H?user l?schen k?nnen. Die-ses Haus w?rde nicht das einzige sein, da? in dieser Nacht zum Teufel ging.
Erhardt dachte dar?ber nicht nach. Er h?rte auch nicht, wie seine Mutter eine Frau zu tr?sten ver-suchte, die in dem brennenden Haus gewohnt hatte. Erhardt dachte an die kleine Katze, ob es ihr wohl gut ging. Er schlief in dieser Nacht kaum mehr.
Am n?chsten Tag wahren die meisten Feuer bereits gel?scht oder von selbst ausgegangen. Die Men-schen gingen wieder ihren gewohnten Gang oder halfen bei Aufr?umarbeiten. Erhardt rannte sobald er konnte los um nach der Katze zu sehen. Noch bevor er die Ruine erreichte wu?te er es. Die Bomber hatte die Flakstellungen bombardiert. Sie hatten die Ruine getroffen. Die ganze H?userzeile, zu der die Ruine geh?rt hatte war ein einziges Tr?mmerfeld. Erhardt stand fassungslos vor dem, was einmal das Zuhause einer kleinen, heimatlosen Stra?enkatze gewesen war. Von Weinkr?mpfen ge-sch?ttelt brach er in die Knie.

Das Pfeifen des Teekessels schreckte Erhardt aus seinen Gedanken. Es war nicht das erste Mal, da? er mit dem Tod konfrontiert worden war, doch es war das erste Mal, da? Erhardt die Gewi?heit hatte, ein geliebtes Wesen verloren zu haben. In den folgenden f?nfzig Jahren sollten noch viele folgen...



30.1.05 02:35
 
Gratis bloggen bei
myblog.de